Mein Trainingstag mit dem Ex-Schwergewichts-Weltmeister Ruslan Chagaev
von Wolfgang Klauke, Leiter Kommunikation Fitness First
Rund fünfundzwanzig hochrangige Führungskräfte aus Top-Wirtschaftsunternehmen haben sich im Kursraum des Fitness First Clubs „MyZeil" auf der Frankfurter Einkaufsmeile versammelt. Das scheint heute und hier aber niemanden wirklich zu beeindrucken. Die Anwesenheit mehrerer Box-Champs hingegen schon. Allen voran ist da der Ex-WBA-Schwergewichts-Weltmeister Ruslan Chagaev. Ein ruhiger, ausgeglichener Typ, aber sehr präsent und man sieht ihm an, dass er gewohnt ist, für den Erfolg alles zu geben. Die Business-Truppe und ich stehen bereit in Sportsachen und alle Hände fach- beziehungsweise boxgerecht bandagiert. Die Wirtschaftswoche, JDB, Universum Box-Promotion und Fitness First haben eingeladen zum „Executive Boxing", also Boxtraining für Führungskräfte.
„Sie sind alle in Ihren Unternehmen Führungskräfte, aber nicht hier und heute", ruft Dimitri Sartison, Weltmeister im Supermittelgewicht*, laut und deutlich in die Runde. „Heute geben Sie die Führung ab. Wir sagen Ihnen, was zu tun ist und Sie müssen das nur umsetzen - so gut es eben geht." Die Ansprache bleibt mir gut im Gedächtnis. Ich habe nicht den Eindruck, dass es jetzt noch nötig oder gar erlaubt ist, Fragen zu stellen. „Übrigens klingt es viel besser zu sagen, ich hau Dir eine rein, als ich hau Ihnen eine rein. Also hier drin Duzen wir uns alle, wenn Ihr den Raum wieder verlasst, könnt Ihr Euch gerne alle wieder Siezen!" Auch die Ansage klingt nicht wie ein Vorschlag. Darum kommt auch niemand auf die Idee, seinen Nebenmann mit „Sie" anzusprechen.
Alle Fragen und Gespräche haben sich auch schnell erledigt, als das Aufwärmen anfängt. Wie Ponys im Zirkus dürfen wir im überschaubaren Kursraum im Kreis traben. Auf das laute Klatschen des Trainers gilt es, blitzschnell die Laufrichtung zu ändern, und auf Ansage werden verschiedene Übungen ausgeführt. Keine zehn Minuten später sind wir warm - nein, heiß. Liegestütze, Kniebeugen und Schattenboxen geben danach erste Eindrücke von dem, was noch kommen soll. Bei den ersten Teilnehmern fließt der Schweiß bereits in Strömen. Nach weiteren fünfzehn Minuten und einer gefühlten vollen Trainingsstunde folgt die erste und einzige kurze Pause.
Eine drahtige Führungskraft Mitte Dreißig darf gegen Ruslan Chagaev, den Schwergewichts-Champ, antreten. Im ersten Moment finde sich es schade, dass ich es nicht bin. „Versuch nur mal, ihn zu treffen!", befiehlt unser heutiger Trainer knapp. Nicht zum letzten Mal verstehen wir, was er meinte mit: „einfach umsetzen - so gut es eben geht!" Ruslan zu treffen scheint nämlich gar nicht zu gehen, jedenfalls für uns normalsterbliche Menschen. Seinen an sich massigen Körper bewegt er äußerst geschmeidig, sein Blick fixiert permanent den „Gegner" und die kompakte Deckung bietet quasi keine Lücke zum Zuschlagen. Sein heutiger Gegner versucht trotz allen Respekts alles, um ihn zu treffen, aber die Schläge enden entweder auf der Deckung oder - in den meisten Fällen - als Luftloch. Das vergebliche Schlagen seines Gegenübers beendet Ruslan, indem er plötzlich und blitzschnell mit der Schulter zuckt. Nicht einmal die Faust hat sich wirklich bewegt und dennoch hat diese Andeutung ausgereicht, dass der Kontrahent beeindruckt und ehrfurchtsvoll zurückweicht und in Deckung geht. Das sieht nicht wirklich souverän aus und so bin ich jetzt froh, diese Demonstration von Außen gesehen zu haben.
Nach diesem kurzen Spektakel sind wir wieder an der Reihe. „Handschuhe an und Partner suchen!" Links-Rechts-Kombination. „Einer hält seine Handschuhe oben, der andere schlägt drauf - und dabei immer in Bewegung bleiben!" Drei Minuten, dann eine Minute Pause und Wechsel. Die Zeit eines Boxers eben. Wie lange drei Minuten sein können und wie kurz sechzig Sekunden wird schnell klar. Danach folgen Kombinationen mit Haken und schließlich mit Gegenschlägen und Abducken. Bei uns sieht das leider meist nicht ganz so geschmeidig aus wie bei Eduard Gutknecht und Dimitri Sartison, beides Profis im Supermittelgewicht, die die Übungen für uns vormachen. Nach drei Runden Schlagen und drei Runden Fäuste hinhalten, scheinen die Boxhandschuhe und die Füße aus Blei zu sein. Trockene T-Shirts tragen nur noch die Trainer. Auch ich habe alles gegeben und freue mich über die neue Erfahrung.
Bereit für den Cool-Down setzen die Jungs aber noch einen drauf. „Einer stellt sich an die Wand und verschränkt die Arme auf der Brust." Was der andere machen soll, demonstriert der Trainer. Auf der Stelle laufen und dabei die Knie vor dem Körper hochschnellen lassen. Gleichzeitig mit den Händen so schnell wie möglich abwechselnd auf die Handschuhe des Partners schlagen. Eine Minute. Dann fünf Liegestütz und noch mal eine Minute. Als „Eddy" Gutknecht die letzten dreißig Sekunden ankündigt, kann ich kaum noch die Füße oder Arme richtig anheben. Aber beißen tun wir alle, also muss ich da jetzt durch. Mit dem Kopf am Gegner angelehnt und kaum fähig geradeaus zu schauen, komme ich schließlich ins Ziel, bevor mein Partner an der Reihe ist. „Auf Thomas, beißen, das schaffst Du ... Jetzt Endspurt!" rufe ich ihm zu. Es ist als wären wir schon jahrelang Trainingspartner, obwohl wir uns vor nicht einmal einer Stunde zum ersten Mal gesehen haben.
Beim abschließenden Dehnen und Cooldown fällt es mir schwer, mich auf den Beinen zu halten. K.O. gehen ohne Fremdeinwirkung kommt aber nicht in Frage, also bewahre ich Haltung. Als das Training vorbei ist, behaupte ich kühn, ich hätte noch weiter machen wollen. Das stimmt auch, nur der Körper hätte halt nicht mehr mitgemacht. Aber emotional bin ich so heiß und motiviert, dass ich fast glaubte, ich könne jetzt auch gegen Ruslan antreten. Zum Glück wird mein Gehirn wieder voll durchblutet bevor ich einen solchen Gedanken laut äußere.
Am Wochenende habe ich Boxen geschaut - diesmal aber mit anderen Augen! Mit viel mehr Respekt auch gegenüber dem Unterlegenen. Nächste Woche gehe ich dann zum Business-Boxen in einen unserer Platinum Clubs. Da fühle ich mich jetzt ja fast wie ein „alter Hase".